Einblicke

Auftakt des Projektes „Sichtbar handeln“

Diskursprojekt zum Umgang mit Antisemitismus fand in Weimar statt

Vom 21. bis 25. September begrüßte das ConAct-Team die erste Gruppe von Fachkräften, die im Rahmen des neuen Projekts „Sichtbar handeln! – Umgehen mit Antisemitismus in Jugend- und Bildungsarbeit“ ins Feld der deutsch-israelischen Begegnungsarbeit einstieg. Die 16 Fachkräfte, die in unterschiedlichen Bereichen der Jugend-, Bildungs- und Sozialarbeit in Deutschland tätig sind, sind häufig mit antisemitischen und israelfeindlichen Einstellungen in ihrer Arbeit mit Jugendlichen konfrontiert.

Das 5-tägige Programm begann mit einem intensiven Austausch zwischen den Fachkräften, die von ihren persönlichen Erfahrungen und ihrem Verständnis von Antisemitismus berichteten. Anhand von historischen mittelalterlichen Quellen, aber auch gegenwärtigen Texten und Bildern konnten die Fachkräfte stereotype Bilder gegen Juden und Jüdinnen erkennen, die eine historische Kontinuität in der Erscheinung von Antisemitismus aufzeigen. Ein Vortrag von Dr. Sina Arnold zur Geschichte, Ausprägungsformen und Funktionen von Antisemitismus machte die verschiedenen Erscheinungsformen von Antisemitismus deutlich. Sichtbare Formen wie verbale Angriffe, Witze oder Verschwörungen gegen Juden und Jüdinnen konnten schnell als antisemitisch eingestuft werden. Andere latentere Formen von Antisemitismus bereiten Fachkräften Unsicherheit. „Ich hätte nie gedacht, dass auch Philosemitismus aus dem Antisemitismus erklären und ableiten lässt“, merkte ein Teilnehmer aus der Gruppe.

Foto © ConAct/Ruthe Zuntz

Zur Frage, was die Teilnehmenden mit jüdischem Leben in Deutschland verbinden, lautete die Antwort vor dem Programmbeginn: „Jüdisches Leben ist so gut wie gar nicht mehr existent oder sichtbar. Wenn es doch sichtbar wird, dann weil es einen antisemitischen Vorfall gab“. Wie können die Fachkräfte stereotypen Bildern und Vorbehalten gegenüber Juden und Jüdinnen entgegenwirken, ohne jüdisches Leben ausschließlich in Bezug auf den Holocaust zu thematisieren? Gespräche mit jüdischen Expert*innen im Rahmen des Diskursprojekts erweiterten den Blick und das Feld der Möglichkeiten im Wirken gegen Antisemitismus in der Jugendarbeit. Dazu gehörten Gespräche und Inputs von Prof. Dr. Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen und Mirna Funk, Autorin des Buches „Winternähe“, aber auch Stimmen von Israelis, die nach Deutschland eingewandert sind und somit einen Teil des vielfältigen jüdischen Lebens in Deutschland ausmachen.

Neben den Vorträgen und den Gesprächen mit Expert*innen konnten die Teilnehmenden auch eine Reihe von Methoden kennenlernen, die sich für die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen besonders gut eignen. Tatjana Volpert von „Bildungsbausteine e.V. “ stellte die Materialien „Verknüpfungen“ zum Beziehungsgeflecht von Antisemitismus und Rassismus vor. Im anschließenden Workshop lernten die Teilnehmenden die Materialien des Anne Frank Zentrums „Fluchtpunkte“ kennen. Anhand von vielfältigen Lebensgeschichten mit Migrations- und Fluchterfahrung werden in diesem Material Verflechtungen der deutschen und österreichischen Geschichte mit jener des arabisch-jüdischen Nahen Ostens aufgezeigt. Als besonders eindrucksvoll zeigte sich ein Besuch im Erinnerungsort „Topf & Söhne“ in Erfurt. Der Gedenkort, in dem die Mitarbeiter*innen des Unternehmens früher Leichenverbrennungsöfen entwickelten, regt heute dazu an, über die eigene Verantwortung im zwischenmenschlichen Alltagshandeln nachzudenken.

Foto © ConAct/Ruthe Zuntz

Als besonders komplex empfanden die Fachkräfte den Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus. Diese Erscheinungsform von Antisemitismus findet, wie die Fachkräfte bestätigten, auch unter Jugendlichen hohe Zustimmungswerte. Mit Bezug auf die schulische Auseinandersetzung mit dem Nahen Osten werden oft stereotype Bilder von Juden und Jüdinnen mit Kritik an der israelischen Politik verknüpft. „Ich merke gerade, wie wenig ich über Israel und die Region weiß. Besonders im israelbezogenen Antisemitismus fällt es mir schwer, die Grenze zu bestimmen“, berichtete ein Teilnehmer und betonte den Wunsch, das Wissen über Antisemitismus mit dem Feld der deutsch-israelischen Zusammenarbeit zu verknüpfen. In einem Workshop mit Rosa Fava, Leiterin der „Juan: Praxisstelle antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit“ tauschten sich die Teilnehmenden anhand von Beispielen aus Tagesschauvideos und Zeitungskarikaturen darüber aus, wie Antisemitismus in Berichterstattung über Israel präsent wird.

Anknüpfend an das Projektmodul in Weimar wird im neuen Jahr eine geplante Begegnungsreise nach Israel stattfinden. Die persönliche Begegnung mit der Vielfalt jüdischen und nicht-jüdischen Lebens in Israel sowie das vertiefte Kennenlernen von innerjüdischen und innerisraelischen Diskursen im anderen Land sollen den Fachkräften in ihrer Sicherheit im Umgehen mit Antisemitismus und anti-israelischen Ressentiments stärken.