Allgemein, Einblicke

Sichtbar handeln gegen Antisemitismus: Neue Gruppen, vielfältige Erkenntnisse!

Das Diskursprojekt „Sichtbar handeln! Handlungsimpulse für den pädagogischen Umgang mit Antisemitismus“ wurde auch in diesem Jahr mit zwei neuen Durchgängen weitergeführt. Vom 19. bis 23. April und vom 31. Mai bis 4. Juni begrüßte das ConAct-Team jeweils 16 Fachkräfte aus der Jugend- und Bildungsarbeit im digitalen Raum. Fünf Tage lang tauschten sich die Teilnehmenden intensiv miteinander aus.

Nach dem Kennenlernen – für das auch im digitalen Raum viele interaktive Tools zur Verfügung stehen – begannen die Teilnehmenden mit einem ersten Austausch über persönliche Bezüge und Erfahrungen mit dem Thema Antisemitismus: Für manche ein fester Teil des Arbeitsalltages, für andere eher ein abstraktes Problem. Was die Gruppe letztlich einte, war jedoch das starke Bedürfnis, besser für den Umgang mit einem so komplexen und vielschichtigen Thema gewappnet zu sein. Vielfach wurde der Wunsch geäußert, mehr über die verschiedenen Formen und die lange Geschichte des Antisemitismus zu erfahren, um aktuelle antisemitische Motive und Ereignisse besser einordnen zu können.

Dem widmete sich die Gruppe am zweiten Tag des Programms. Ein Vortrag zur Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus gab den Teilnehmenden einen Überblick zu den vielfältigen und komplexen Erscheinungsformen von Antisemitismus. Im Anschluss waren die Teilnehmenden selbst gefragt und diskutierten in Kleingruppen über Bild- und Zitatbeispiele, deren antisemitischer Inhalt nicht immer auf den ersten Blick erkennbar war. Angeregt durch die Konfrontation mit der Brisanz von Antisemitismus formulierte ein Teilnehmer seine Motivation: „Ich bin sprachlos und will an dieser Sprachlosigkeit weiterarbeiten!“

Ein weiteres wichtiges Thema im Diskursprojekt waren die Verknüpfungen von Rassismus und Antisemitismus. Der methodische Workshop von „Bildungsbausteine e. V.“  gab vielen Teilnehmenden die Möglichkeit, an reale Situationen aus Ihrem Arbeitsalltag anknüpfen, in denen sie häufig  mit Rassismus konfrontiert sind. Über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Ideologien nachzudenken und zu diskutieren, wurde von den Teilnehmenden als besonders gewinnbringend empfunden.

Eines der Highlights beider digitaler Seminarwochen war der Austausch mit Vertreter*innen aus dem Projekt „Meet a Jew“ des Zentralrats der Juden in Deutschland. Hier hatten die Teilnehmenden die Gelegenheit, den Referent*innen vielfältige Fragen zu jüdischem Leben in Deutschland zu stellen und Berührungsängste abzubauen.
Einen Einblick in die die Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland zu erhalten, beschrieben viele Teilnehmende in der Nachbereitung als Schlüsselerlebnis: „Natürlich kann man Jüd:innen auch zu anderen Themen befragen“ und „[jüdisches Leben hat] mehr Facetten als die Betroffenheit durch Antisemitismus“ sind nur zwei Beispiele der Reflexionen von Teilnehmenden am Ende des Tages.

Ein weiterer Programmpunkt widmete sich dem Thema „Israelbezogener Antisemitismus“ – die wohl verbreitetste Form von Antisemitismus in der Gegenwart und gleichzeitig jene Form, die am meisten Unsicherheiten im Erkennen und im Umgang auslöst. Dabei richtete sich der Blick sowohl auf die Geschichte des Nahostkonflikts, als auch auf die Merkmale von israelbezogenem Antisemitismus und den pädagogischen Umgang damit. Die Teilnehmenden lernten hier die Methode „Jenseits von Schwarz-Weiß“ der „Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus e. V.“ (KIgA) kennen, die ein Verständnis für die Komplexität der (Vor-)Geschichte Israels und des Nahostkonfliktes vermittelt und außerdem unterschiedliche israelische und palästinensische Perspektiven aufzeigt.

Auch aufgrund der derzeitigen Brisanz des Themas waren viele Teilnehmenden besonders motiviert, sich Wissen über die Geschichte des Konflikts anzueignen, um so gegen einseitige Beschuldigungen argumentieren zu können. Während der Feedback-Gesprächen wurde deutlich, dass viele Teilnehmende sich auch nach dem Seminar weiter mit diesen so komplexen Themen auseinandersetzen möchten, um Wissenslücken zu schließen.

Als weiteren Höhepunkt nannte die Gruppe ein Gespräch mit einer ConAct-Mitarbeiterin, die von ihren Erfahrungen während der letzten gewaltvollen Eskalation in Israel berichtete und für Fragen der Teilnehmenden zur Verfügung stand.

Abgerundet wurde das Programm beider Durchgänge mit einem intensiven Austausch über die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten gegen Antisemitismus. In Kleingruppen besprachen die Teilnehmenden unterschiedliche Situationen, die ihnen auch in ihrem Arbeitsalltag begegnen. Wie könnte man reagieren? Wer könnte etwas tun? Was passiert, wenn niemand etwas tut?
Heraus kam eine vielfältige Sammlung von Argumenten und Handlungsoptionen gegen Antisemitismus im Alltag, die nicht zuletzt aus der vorherigen intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte, den Funktionen und Erscheinungsformen von Antisemitismus während des Seminars resultierte.

Mit einer Liveschalte nach Israel und einem Gespräch mit zwei Kolleginnen vom „Council of Youth Movements in Israel“ fanden die fünf intensiven Tage einen erfolgreichen Abschluss. Das Gespräch über die Arbeit der israelischen Jugendverbände weckte schließlich bei allen die Vorfreude, Israel und seine vielfältige Gesellschaft im zweiten Modul des Projektes selbst kennenzulernen.